Leserbrief an die DZO

An die Herausgeber der
Deutsche Zeitschrift für Onkologie
Herrn Prof. Dr. med. Arnd Büssing  und Herrn Dr. med. Peter Holzhauer
MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG
Oswald Hesse-Straße 50
D-70469 Stuttgart

Artikel „Krebszellen mögen Zucker, aber noch mehr lieben sie Fett und tierisches Eiweiß“ von L.M. Jakob und N. Weis

Sehr geehrte Herren Herausgeber,

der Titel des in der aktuellen Ausgabe der DZO publizierten Artikels “ Krebszellen mögen Zucker, aber noch mehr lieben sie Fett und tierisches Eiweiß“ [1] lässt einen engen Bezug zu unserem Buch mit dem Titel „Krebszellen lieben Zucker – Patienten brauchen Fett“ [2] vermuten. Tatsächlich gehen die Autoren Jacob und Weis sogar mit wörtlichen Zitaten darauf ein. Nach ihrer Argumentation ist eine Ernährung mit viel Fett und ausreichend Protein für Krebspatienten kontraproduktiv, sie empfehlen stattdessen mehr Kohlenhydrate. Vor allem kritisieren sie das angebliche Ziel der „Antikrebsdiät“, durch eine Reduktion des Anteils der Kohlenhydrate in der Ernährung den „Tumor auszuhungern“. Diese Unterstellung ist nicht haltbar, wir haben im Buch dazu konkret geschrieben (S. 184):

„Eine ketogene Diät ist weder eine Anti-Krebs-Diät noch eine Therapie noch »die Lösung« des Krebsproblems. Viele Konzepte zur Heilung argumentieren mit dem »selektiven Aushungern« von Krebszellen. Solch ein echtes Aushungern von Krebszellen mit einer wie auch immer gearteten Diät zu versprechen, ist nach derzeitigem Wissensstand unseriös.“

Auch andere zentrale Argumente und Thesen von Jacob und Weis sind nicht haltbar. So wird anhand von drei Beispielen (Pasta, Fisch und Steak) dargestellt, dass Proteine eine stärkere Insulinsekretion verursachen als Kohlenhydrate. An dieser Stelle mag man sich zuerst wundern, warum mit Einzelbeispielen argumentiert wird. Wenn man aber die zitierte Quelle [3] nachschlägt, wird es offensichtlich: Die genannten Beispiele sind absolut untypisch, insgesamt ist der Anteil in Lebensmitteln von Kohlenhydraten positiv und von Proteinen negativ mit der Insulinantwort korreliert. Jacob und Weis stellen mit ihrer Aussage die in der Studie vorgestellten Ergebnisse gegensätzlich und falsch dar.

Weiterhin wird behauptet, dass Krebszellen Energie in erster Linie aus der Oxidation von Fettsäuren beziehen. Jacob und Weis berufen sich auf eine Studie [4], in der über eine verstärkte Oxidation von Fettsäuren bei Entkopplung der Phosphorylierung in den Mitochondrien berichtet wird. Fraglich ist allerdings, ob unter diesen Umständen Fettsäuren überhaupt zur Energiegewinnung genutzt werden können. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Fettsäureoxidation tatsächlich nicht zur ATP (also Energie-) Gewinnung beiträgt („FAO does not contribute to ATP synthesis“). Energie wird ausschließlich durch den Zuckerstoffwechsel gewonnen („This constrains leukemia cells to glucose metabolism for their energy needs“). Jacob und Weis ziehen es auch hier vor, die Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Studie zu ignorieren und das Gegenteil zu behaupten.

Als eigenwillig kann man auch die Interpretation der Ergebnisse einer von Jacob und Weis als „angebliche ketogene Antikrebsdiät“ bezeichneten Pilotstudie [5] ansehen. Jacob und Weis extrahieren selektiv alle als negativ darstellbaren Daten und ignorieren die in der Arbeit gegebenen Erläuterungen.

Mehr Details zu diesen einzelnen und weiteren Punkten sind auf der website www.keto-bei-krebs.de unter „Kontroversen“ zu finden. Aber schon die hier kurz dargestellten Beispiele lassen erkennen, dass die einseitige Polemik von Jacob und Weis der Sache nicht gerecht wird. Selbstverständlich gibt es offene Fragen zu dem im Buch vorgestellten Konzept einer ketogenen Ernährung für Krebspatienten, eine Diskussion dazu ist hoch willkommen. Die vorgebrachten Argumente müssen aber den üblichen Standards entsprechen und belegbar sein. Zudem wäre es bedauerlich, wenn Patienten und Mediziner durch eigenwillige Behauptungen verunsichert würden, wie etwa eine Proteinzufuhr von 1,2 bis 1,4 g/kg Körpergewicht würde „seriösen Empfehlungen“ für Krebspatienten widersprechen.

Unerklärlich ist für uns auf jeden Fall, wie dieser Artikel mit seinen groben sachlichen Fehlern den Begutachtungsprozess der Fachzeitschrift DZO durchlaufen konnte.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. rer. biol. hum. Ulrike Kämmerer
Im Namen aller Autoren mit
PD. Dr. rer. nat. Christina Schlatterer
Dr. rer. nat. habil. Gerd Knoll

1.    Jacob, L, Weis, N (2012) Krebszellen mögen Zucker, aber noch mehr lieben sie Fett und tierisches Eiweiß. Deutsche Zeitschrift für Onkologie 44:109-118
2.    Kämmerer, U, Schlatterer, C, Knoll, G (2012) Krebszellen lieben Zucker – Patienten brauchen Fett. Lünen, Systemed
3.    Bao, J, Atkinson, F, Petocz, P, Willett, WC, Brand-Miller, JC (2011) Prediction of postprandial glycemia and insulinemia in lean, young, healthy adults: glycemic load compared with carbohydrate content alone. Am J Clin Nutr 93:984-96
4.    Samudio, I, Harmancey, R, Fiegl, M, Kantarjian, H, Konopleva, M, Korchin, B, Kaluarachchi, K, Bornmann, W, Duvvuri, S, Taegtmeyer, H, Andreeff, M (2010) Pharmacologic inhibition of fatty acid oxidation sensitizes human leukemia cells to apoptosis induction. J Clin Invest 120:142-56
5.    Schmidt, M, Pfetzer, N, Schwab, M, Strauss, I, Kammerer, U (2011) Effects of a ketogenic diet on the quality of life in 16 patients with advanced cancer: A pilot trial. Nutr Metab (Lond) 8:54

Ein Gedanke zu “Leserbrief an die DZO

  1. Sehr interessante Diskussion. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auf das Buch „Den Hunger lieben lernen“ von. A. Bulfon hinweisen, in welchem – von gänzlich anderer Argumentationsrichtung kommend – das zentrale Problem des Ertragens von Hungergefühlen (die ja wesentlich mit dem – bei dieser Diät ja generell niedrigen – Blutzuckerspiegel korreliert sind) erörtert wird.

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