Zu Insulinsekretion

Unter der Überschrift „Steak setzt deutlich mehr anaboles Insulin frei als Pasta al dente“ wird gegen die „pseudowissenschaftlichen Ernährungsratschläge“ gewettert, die für eine Senkung des Insulinspiegels durch Reduktion der Kohlenhydrate und der Glykämischen Last plädieren, „ohne grundlegende wissenschaftliche Tatsachen wie den Food-Insulin-Index FII zur Kenntnis zu nehmen“. Jacob und Weis belegen nun mit drei Beispielen aus der „bisher umfangreichsten Untersuchung des Effekts von Lebensmitteln auf die Insulinsekretion“ [1], dass Protein eine stärkere Insulinsekretion verursacht als Kohlenhydrate: sowohl fettarmer Fisch als auch Steak rufen eine höhere Insulinantwort hervor als Pasta, schreiben die Mediziner.

Tatsächlich stimmen diese Zahlen, sie finden sich in einer der umfangreichen Tabellen der von Jacob und Weis zitierten Arbeit, in der Nahrungsmittel nach Gruppen aufgelistet sind. Pasta findet sich in der Gruppe der „kohlenhydratreichen Lebensmittel“, Fisch und Steak laufen unter „proteinreichen Lebensmitteln“. Wie man sich fast denken kann, handelt es sich um Extreme, um Ausreißer aus dem Durchschnitt jeder Gruppe (pikanterweise haben Bohnen, auch gelistet unter „proteinreich“, einen mehr als doppelt so hohen Index wie Fisch und Steak, aber Bohnen sind ja kein „tierisches Protein“).

Was haben wir hier vor uns? Ausreißer aus Gruppen zu vergleichen ist hier genau so, wie wenn wir aus dem Vergleich des noch quicklebendigen fast 94jährigen Kettenrauchers Helmut Schmidt und des dieses Jahr mit 26 Jahren nach dem Training verstorbenen norwegischen Schwimmweltmeisters Alexander Dale Oen herleiten würde, dass Rauchen und Vermeiden von Sport eine deutlich lebensverlängernde Wirkung haben.

Die Mediziner Jacob und Weis müssen es besser wissen, denn die statistische Auswertung aller Daten liegt in der Arbeit vor. Kohlenhydrate, glykämischer Index und glykämische Last sind alle höchst signifikant positiv mit einer erhöhten Insulinantwort korreliert, wohingegen sowohl Fett als auch Protein – auch höchst signifikant – negativ korreliert sind.

Das heißt: je mehr Protein in der Nahrung ist, desto geringer fällt die Insulinantwort aus. In einer Analyse von kompletten Mahlzeiten hatte dann auch ein Steak – sogar mit Kartoffeln – eine deutlich geringere Insulinantwort als der absolute Spitzenreiter mit der höchsten Insulinantwort: Honigmelone und Banane, fettfreier Erdbeer-Joghurt, dazu Apfelsaft. Also kaum Fett, kaum Protein, sondern überwiegend Kohlenhydrate.

Es stellt sich die Frage: kann man die Ausführungen von Jacob und Weis anders interpretieren als eine bewusste Irreführung der Leser?

Tatsächlich sinkt der Insulinspiegel bei einer ketogenen Diät um bis zu 75% bis 90% (auch wenn es sich um eine „Fett-Tierprotein-Kost“ handelt, wie sie Jacob und Weis nennen).

1.    Bao, J, Atkinson, F, Petocz, P, Willett, WC, Brand-Miller, JC (2011) Prediction of postprandial glycemia and insulinemia in lean, young, healthy adults: glycemic load compared with carbohydrate content alone. Am J Clin Nutr 93:984-96

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4 Gedanken zu “Zu Insulinsekretion

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