Fett zur Energiegewinnung

Sie gehen sogar noch einen Schritt weiter und erklären: „Fettsäuren sind essentiell für die Energiegewinnung in Krebszellen“, im Gegensatz zum Zucker. Eine fettreiche Ernährung sei deshalb „entgegen der biologischen und biochemischen Vernunft“.

Wie kommen Jacob und Weis zu dieser Einschätzung? Sie argumentieren mit den Ergebnissen einer Arbeitsgruppe aus Texas um Michael Andreeff, die bei Leukämiezellen tatsächlich eine verstärkte Fettsäureoxidation beobachtet hat [1]. Ganz korrekt berichten die beiden Mediziner auch weiter, dass dieser Effekt durch „die mitochondriale Entkopplung der Atmungskette“ durch das „entkoppelnde Protein 2“ verursacht wird. Sie verschweigen dem Leser aber, was das konkret heißt. Im Gegensatz zu den Autoren der erwähnten Studie, die ausführlich die Vorgänge und Konsequenzen diskutieren.

Normalerweise ist die Zellatmung, die Verbrennung von vorwiegend Zucker und Fett, mit der Gewinnung von Energie gekoppelt. Bei einer Entkopplung, wie sie im vorliegenden Fall der Leukämiezellen beobachtet wurde, findet zwar die Verbrennung statt, aber ohne Energiegewinn, die beiden Vorgänge sind eben entkoppelt. Natürlicherweise wird dieser Effekt zur Wärmegewinnung genutzt, beispielsweise können sich so Neugeborene auch ohne Zittern warm halten. Wenn aber die Zellatmung nicht mehr mit der Gewinnung von Energie gekoppelt ist, bleibt dafür nur die Gärung, die keinen Sauerstoff benötigt. Vergoren werden kann jedoch nur Zucker, kein Fett. Fett scheidet also bei Entkopplung als Energielieferant aus. Andreeff und Mitarbeiter beschreiben die Konsequenz so: „Das beschränkt Leukämiezellen auf den Zuckerstoffwechsel zur Energiegewinnung“.

Das ist das genaue Gegenteil von dem, was Jacob und Weis aus exakt diesen Ergebnissen ableiten (zur Erinnerung: „Krebszellen lieben Fett als energiereichsten Nährstoff und bevorzugen ihn zu ihrer Energiegewinnung“, schreiben sie).

Sie geben die Ergebnisse und Schlussfolgerungen von Andreeff und Kollegen, auf die sie sich berufen, um 180 Grad verdreht wieder.

In Bezug auf die Ernährung kommen sie zu dem Schluss, dass eine fettreiche „Ernährung krebsfördernd und stoffwechselschädigend“ wirkt, „denn die Fettsäureoxidation ist für die Krebszelle eine saubere Energiequelle“. Aus dem obigen geht hervor, dass dem nicht so ist. Dass das aber auch in der eigentlich relevanten Situation, im menschlichen Tumor in situ, nicht so sein kann, ist bereits seit Jahrzehnten bekannt [2]. Messungen zeigen, dass Tumoren im Vergleich mit dem umliegenden Gewebe eine etwa 30fach höhere Aufnahme von Zucker, aber netto überhaupt keine Fettsäuren aufnehmen.

Woher kommen aber dann die Fettsäuren, die in den Leukämiezellen ohne Energiegewinnung verbrannt werden? Auch diese Frage beantworten die Wissenschaftler aus Texas: Fettsäuren werden neu aus Zucker hergestellt. Tatsächlich ist bekannt, dass Krebszellen auf die Neusynthese von Fettsäuren angewiesen sind, sie brauchen das Fett vor allem, um ihre Membranen zu bilden. Jacob und Weis diskutieren auch die essentielle Rolle der Neusynthese von Fett, sehen aber keinen Widerspruch zu ihrer These, dass fettreiches Essen den Tumor mit Energie versorgt.

Und natürlich widerspricht die Sicht von Jacob und Weis ganz offensichtlich der klinischen Praxis, in der Tumoren aufgrund ihrer stark erhöhten Zuckeraufnahme im bildgebenden PET-Scan sichtbar gemacht werden. Die Aufnahme von Fettsäuren eignet sich dafür nicht.

1.    Samudio, I, Harmancey, R, Fiegl, M, Kantarjian, H, Konopleva, M, Korchin, B, Kaluarachchi, K, Bornmann, W, Duvvuri, S, Taegtmeyer, H, Andreeff, M (2010) Pharmacologic inhibition of fatty acid oxidation sensitizes human leukemia cells to apoptosis induction. J Clin Invest 120:142-56
2.    Holm, E, Hagmuller, E, Staedt, U, Schlickeiser, G, Gunther, HJ, Leweling, H, Tokus, M, Kollmar, HB (1995) Substrate balances across colonic carcinomas in humans. Cancer Res 55:1373-8

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