Fakten und Fiktionen

Dr. med. Ludwig Manfred Jacob und Dr. med. Nicole Weis suggerieren, das Buch und dessen Autoren propagierten eine „Antikrebsdiät“ und verträten die „These, eine „ketogene Diät“ könne den Tumor aushungern“.

Sie schreiben weiter: „Die These, ein Tumor ließe sich durch eine „ketogene Diät“ aushungern, ist naiv“.

Jacob und Weis haben mit dem letzten Satz absolut recht, mit ihren zentralen Behauptungen jedoch nicht, denn die Autoren des Buches stellen weder diese simplifizierende These auf noch propagieren sie eine „Antikrebsdiät“. Im Gegenteil. Um das zu erkennen, muss man schlicht das Buch lesen.

Was steht also dazu im Buch? Auf einer einzigen Seite im Buch geht es um das Thema, ob man durch eine starke Einschränkung der Kohlenhydrate in der Ernährung Tumoren tatsächlich „aushungern“ kann, auf Seite 184. Dort steht:

„Eine ketogene Diät ist weder eine Anti-Krebs-Diät noch eine Therapie noch »die Lösung« des Krebsproblems. Viele Konzepte zur Heilung argumentieren mit dem »selektiven Aushungern« von Krebszellen. Solch ein echtes Aushungern von Krebszellen mit einer wie auch immer gearteten Diät zu versprechen, ist nach derzeitigem Wissensstand unseriös.“

Diese Textstelle belegt, dass die Behauptungen von Jacob und Weis nicht den Tatsachen entsprechen. Es sind schlicht Unterstellungen, die niemand, der das Buch wirklich liest wird nachvollziehen können. Tatsächlich war es sogar ein erklärtes Ziel der Autoren, solche simplifizierenden, unwissenschaftlichen und Patienten nicht helfenden Thesen eine objektive, auf wissenschaftlichen Daten beruhende Sicht entgegen zu stellen

Andere Unterstellungen kommen subtiler daher. Jacob und Weis schreiben über im Buch gegebene Empfehlungen:

„Zum „unbegrenzten“ Verzehr von rotem Fleisch und Wurst wird ausdrücklich geraten“

Die Anführungszeichen lassen annehmen, dass hier einfach wörtlich aus dem Buch zitiert wird. Tatsächlich stehen diese Anführungszeichen im Buch selber, wo es zu einer Tabelle auf Seite 228 heißt: „Diese Lebensmittel dürfen „unbegrenzt“ gegessen werden“. „Diese Lebensmittel“ bezieht sich nur unter anderem auf Fleisch und Wurst, in dieser Gruppe werden noch weitere acht Lebensmittelkategorien genannt, die praktisch keine Kohlenhydrate enthalten, unter anderem Fisch und Pflanzenöle. Gerade um eine große Vielfalt und freie Wahlmöglichkeiten geht es in dem Buch, ausdrücklich auch für Vegetarier, deshalb die ausführlichen Tabellen. Und die Anführungszeichen in diesem Kontext relativieren das „unbegrenzt“ auf den empfohlenen Wert von 1,2 bis 1,4 g Protein pro kg Körpergewicht, es geht eben gerade nicht um unbegrenzten Verzehr, von was auch immer.

Der Widerspruch zwischen dem von Jacob und Weis suggerierten Bild und der tatsächlich empfohlenen Ernährung wird auch mit einem Blick auf die Kategorie „Rezepte“ auf dieser website deutlich.

Die Unterstellungen bieten den beiden Medizinern jedenfalls die Möglichkeit, einen Widerspruch zu „medizinischen und ernährungswissenschaftlich bestens etablierten Goldstandards“ zu konstruieren. Speziell widmen sie sich der von ihnen als schädlich erachteten „besonders hohen Menge von 1,4 g Protein/kg KG“, die „weit“ über den „seriösen Empfehlungen der Ernährungswissenschaft“ liegen soll. Tatsächlich empfiehlt jedoch der aktuelle Blaue Ratgeber Ernährung der Deutschen Krebshilfe: „Wichtig ist auch eine hohe Eiweißzufuhr; empfohlen werden 1,2 bis 2 g Eiweiß pro kg Körpergewicht“. Interessierte Ärzte können sich im Kurs „Ernährungsmedizin in der Onkologie (EMO)“ der Universitätsklinik Freiburg das erforderliche Wissen vermitteln lassen. Darin wird den Teilnehmern beigebracht, dass Protein einen Anteil von 15-20% des Energiebedarfs eines Tumorpatienten decken sollte, das entspricht etwa 1,1 bis 1,75 g Eiweiß pro kg Körpergewicht. Unterlagen zum Kurs sind abfragbar unter emo@tumorbio.uni-freiburg.de.

Es scheint also eher so zu sein, dass die Aussagen und Argumente von Jacob und Weis nicht den „seriösen Empfehlungen“ entsprechen. Ihre Empfehlungen würden meist zu einer Mangelversorgung der Patienten führen.

Ihre Aussagen entsprechen auch nicht dem aktuellen Erkenntnisstand, etwa ihre Behauptung: „Im Labor werden Krebszellen bekanntlich nicht in Zuckerwasser, sondern in Kälber- oder Rinderserum gezüchtet“. Als Beleg wird eine Publikation aus der Frühzeit dieser Forschungsrichtung zitiert, in der mit unterschiedlichen Mischungen aus Fruchtwasser und Serum experimentiert wurde. Selbstverständlich war in diesen Mischungen auch Blutzucker enthalten, Glukose ist essentiell für das Wachstum von Zellen, wie in jedem Fachbuch der Zellbiologie nachzulesen ist. Im Laufe der Zeit ist es gelungen, alle essentiellen Komponenten zu bestimmen und dementsprechend für die Zellzucht einzusetzen. Die Standardlösung enthält heute 450 mg/dl (25 mM) Glukose – das fünffache des Normalwerts im menschlichen Blut – tatsächlich ein ausgesprochenes Zuckerwasser. Statt Serum oder Fruchtwasser kann man nun noch notwendige Wachstumsfaktoren – wie zum Beispiel das im Buch auch ausführlich bezüglich seiner Rolle bei Krebserkrankungen besprochene Insulin – zugeben. Gerade in der modernen Zellforschung werden Tumorzellen vorzugsweise in kontrollierten serumfreien Medien kultiviert, um mögliche Risiken wie BSE oder andere Erkrankungen von Tieren auszuschließen. Gern können sich die Autoren im Zellkulturlabor in Würzburg über die Praxis moderner Zellkulturtechniken informieren.

Auch die Ausführungen zu Ketose und Ketonkörpern entsprechen nicht dem Stand der Forschung und klinischen Erfahrung. Die Behauptung „Die starke Kohlenhydratrestriktion senkt also nur die Lebensqualität und erhöht das Risiko psychischer und metabolischer Störungen“ wird durch keinerlei wissenschaftliche Quelle belegt. Jacob und Weis unterscheiden zudem eine „echte ketogene Diät“ von der „neuen Form“ mit mehr Protein, bei der „eine echte Ketose häufig nicht erreicht“ wird. Stand der Dinge ist jedoch, dass selbst in der Behandlung von Epilepsiepatienten zunehmend liberalere Varianten der Diät eingesetzt werden, eher in Richtung der Atkins-Diät [1, 2].

Letztendlich läuft es bei Jacob und Weis darauf hinaus, dass Fett und Protein angeblich krank machen, sie sind von den gesundheitlichen Vorteilen einer Ernährung mit einem möglichst hohen Anteil von Kohlenhydraten überzeugt. Speziell Übergewicht und das metabolische Syndrom mit der Grundproblematik Insulinresistenz werden als Folge einer Kohlenhydratreduktion aufgeführt. Dagegen sprechen alle aussagekräftigen kontrollierten Studien, in denen eine Kohlenhydratreduktion gerade umgekehrt eine Verbesserung der relevanten Parameter gezeigt hat (etwa [3, 4]) und der positive Effekt auch nach Jahren noch Bestand hat [5].

Auf deutsch stehen Erfahrungen an der Rehaklinik Überruh in Isny mit der kohlenhydratreduzierten LOGI-Methode zur Verfügung (von 2008, von 2009, von 2010).

Die Autoren des Buches sind durchaus an Kritik – wenn sie sachlich bleibt und nicht mit nicht haltbaren Unterstellungen arbeitet – interessiert. Entsprechende Diskussionen und Kontroversen wollen wir sehr gerne auf dieser Seite abbilden, auch mit dem Ziel, kommende Auflagen des Buches im Sinne der Betroffenen weiter zu verbessern.

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1. Kossoff, EH, Dorward, JL (2008) The modified Atkins diet. Epilepsia 49 Suppl 8:37-41

2. Tonekaboni, SH, Mostaghimi, P, Mirmiran, P, Abbaskhanian, A, Abdollah Gorji, F, Ghofrani, M, Azizi, F (2010) Efficacy of the Atkins diet as therapy for intractable epilepsy in children. Arch Iran Med 13:492-7

3. Shai, I, Schwarzfuchs, D, Henkin, Y, Shahar, DR, Witkow, S, Greenberg, I, Golan, R, Fraser, D, Bolotin, A, Vardi, H, Tangi-Rozental, O, Zuk-Ramot, R, Sarusi, B, Brickner, D, Schwartz, Z, Sheiner, E, Marko, R, Katorza, E, Thiery, J, Fiedler, GM, Bluher, M, Stumvoll, M, Stampfer, MJ (2008) Weight loss with a low-carbohydrate, Mediterranean, or low-fat diet. N Engl J Med 359:229-41

4. Shai, I, Spence, JD, Schwarzfuchs, D, Henkin, Y, Parraga, G, Rudich, A, Fenster, A, Mallett, C, Liel-Cohen, N, Tirosh, A, Bolotin, A, Thiery, J, Fiedler, GM, Bluher, M, Stumvoll, M, Stampfer, MJ (2010) Dietary intervention to reverse carotid atherosclerosis. Circulation 121:1200-8

5. Schwarzfuchs, D, Golan, R, Shai, I (2012) Four-year follow-up after two-year dietary interventions. N Engl J Med 367:1373-4

 

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